Der Vorsitzende der niederländischen Glücksspielbehörde Kansspelautoriteit (KSA), Michel Groothuizen, hat illegales Glücksspiel zur größten Bedrohung für jeden regulierten Markt weltweit erklärt. Bei der IAGR-Konferenz in Toronto rief er zur Gründung einer internationalen Behörde nach dem Vorbild von Interpol auf, die den globalen Kampf gegen illegale Glücksspielanbieter koordinieren soll.
Kampf mit „mittelalterlicher Technik“
Groothuizen beschrieb die Herausforderung als technologisches Missverhältnis zwischen agilen kriminellen Netzwerken und langsam agierenden Behörden. Das illegale Glücksspiel sei längst kein Randproblem mehr, sondern die zentrale Bedrohung für jeden regulierten Markt weltweit. Die Regulierer müssten gemeinsam Verantwortung übernehmen.
Er verglich den Kampf gegen illegale Anbieter mit einem Krieg des 21. Jahrhunderts, der mit mittelalterlicher Technologie geführt werde. Bestehende bilaterale Bemühungen hätten sich als unzureichend erwiesen – illegale Betreiber tauchen nach Sperrungen innerhalb von Stunden unter neuen Domains wieder auf. Der Kampf gleiche dem gegen eine Hydra: Schlägt man einen Kopf ab, wachsen zwei neue nach.
Das vorgeschlagene „Glücksspiel-Interpol“ würde Regulierern eine gemeinsame Struktur bieten, um Daten auszutauschen, illegale Betreiber zu verfolgen und grenzüberschreitende Ermittlungen zu koordinieren. Auch Tech-Unternehmen und Zahlungsdienstleister sollen eingebunden werden.
Niederlande verlieren Hälfte des Marktes an Illegale
Die Forderung kommt nicht von ungefähr: Die KSA berichtete kürzlich, dass die Kanalisierungsrate gemessen am Bruttospielergebnis unter 50 Prozent gefallen ist. Das bedeutet, dass mehr als die Hälfte aller Glücksspielausgaben in den Niederlanden mittlerweile bei nicht-lizenzierten Anbietern landet.
Groothuizen warnte, dass strengere Werbe- und Einzahlungslimitregelungen im legalen Sektor Spieler unbeabsichtigt zu diesen unregulierten Alternativen getrieben haben könnten. Die Niederlande hatten 2021 den Online-Glücksspielmarkt legalisiert und seitdem zahlreiche Einschränkungen eingeführt – darunter Werbeverbote und Einzahlungslimits von 700 Euro monatlich pro Anbieter.
Zusätzlich wurden die Glücksspielsteuern Anfang 2025 deutlich erhöht, eine weitere Erhöhung wird im nächsten Jahr erwartet. Die Steuer stieg auf 34,2 Prozent und soll 2026 auf 37,8 Prozent steigen – was den legalen Markt weiter unter Druck setzt.
Tech-Konzerne und Banken in der Pflicht
Groothuizen betonte, dass an der Einbindung der großen Tech-Konzerne kein Weg vorbeiführe. Soziale Medien seien die Frontlinie, an der viele Verbraucher zum ersten Mal mit illegalem Glücksspiel in Kontakt kommen. Der KSA-Chef beschrieb, wie illegale Betreiber abgelaufene niederländische Webdomains aufkaufen, um ihre Suchmaschinenrankings zu verbessern und Nutzer auf illegale Seiten zu lenken.
Auch Tech-Giganten und Finanzinstitute tragen laut Groothuizen Verantwortung: Ohne Sichtbarkeit und Zahlungsmöglichkeiten verlieren illegale Seiten letztlich ihre Attraktivität. Nur wenn Zahlungsdienstleister und Tech-Konzerne kooperieren, könne das Geschäftsmodell der illegalen Anbieter nachhaltig untergraben werden.
Ein erster konkreter Schritt wurde bereits unternommen: Die KSA und die britische Gambling Commission haben ein Abkommen unterzeichnet, das den Austausch von Regulierungsdaten und die Zusammenarbeit bei der Bekämpfung des illegalen Marktes sowie beim Spielerschutz vorsieht. Diese Vereinbarung ist laut UK Gambling Commission das erste Memorandum of Understanding dieser Art zwischen beiden Ländern.
Ob die Vision eines „Glücksspiel-Interpols“ Realität wird, bleibt abzuwarten. Die internationale Regulierer-Community zeigt sich jedoch offen für mehr Zusammenarbeit – angesichts eines Schwarzmarkts, der nationale Grenzen längst ignoriert.






