Der Mitteldeutsche Rundfunk hat eine Dokumentation über Rozvadov produziert – jenes 800-Seelen-Dorf an der deutsch-tschechischen Grenze, das sich zum größten Pokerstandort Europas entwickelt hat. Die arte-Reportage „Las Vegas in der tschechischen Provinz“ aus der Reihe „Re:“ beleuchtet, wie ein unscheinbares Grenzdorf zur Poker-Hochburg wurde.
Die Entscheidung, die alles veränderte
Nach der Wende 1989 stand Rozvadov vor der Wahl: Industriegebiet oder Casino. Der damalige Bürgermeister Bořivoj Vrabec entschied sich gemeinsam mit Investor Leon Tsoukernik für Letzteres. 2003 öffnete das King’s Casino seine Türen, 2009 wurde es zum Poker-Resort umgebaut. Die Zahlen sprechen für sich: 30.000 Besucher pro Monat, über 1.300 Turniere pro Jahr – mehr als in Las Vegas. Seit 2017 gastiert hier die World Series of Poker Europe.
Die Gemeinde kassiert jährlich 1,5 Millionen Euro Glücksspielsteuer. Davon profitieren alle Einwohner direkt: Kostenloser Kindergarten, gratis Schulverpflegung, keine Müllgebühren. Zusätzlich erhält jeder Bewohner einen jährlichen Bonus von 400 Euro. CEO Federico Brunato berichtet in der Doku vom Tagesgeschäft im Resort, das mittlerweile über 160 Pokertische verfügt – Europas größter Pokerraum.
Zwischen Millionen-Events und Dorfkneipe
Die MDR-Produktion setzt einen besonderen Kontrast: Das „wichtigste Pokerturnier des Jahres“ aus Sicht vieler Einheimischer findet nicht im King’s Resort statt, sondern traditionell in einer Kneipe am örtlichen Sportplatz. Hier wird fernab von Scheinwerfern und Millionen-Preispools die lokale Poker-Liga ausgespielt – ein Symbol dafür, dass Rozvadov trotz internationalem Jetset ein Dorf geblieben ist.
Zu Wort kommen in der Reportage neben den Bürgermeistern auch Leon Tsoukernik persönlich sowie Spieler wie Martin Kabrhel, der mit 8,3 Millionen Dollar Turnier-Earnings der erfolgreichste tschechische Pokerspieler ist. Die Doku zeigt das Leben zwischen Feuerwehrfest und High-Stakes-Action.
Von der Stau-Hölle zum Poker-Paradies
Vor 1989 war Rozvadov berüchtigt für Staus von bis zu 40 Kilometern Länge – der größte tschechische Grenzübergang zur Bundesrepublik. Nach dem Beitritt Tschechiens zum Schengen-Abkommen 2007 verschwand der Grenzverkehr komplett. Das King’s Resort füllte die wirtschaftliche Lücke und machte aus dem Transitort ein Ziel. Tsoukernik, der sein Geld ursprünglich mit Antiquitätenhandel verdiente, verkaufte das Casino 2024 nach über 20 Jahren und stieg aus dem Glücksspielgeschäft aus.






